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Viscerale Osteopathie- ein technischer Begriff, hinter dem sich eine große Entdeckung verbirgt

Ein Interview mit dem Physiotherapeuten und Heilpraktiker Psychotherapie Nijesh Ulrich Hesse

 
1. Viscerale Manipulation, Viscerale Osteopathie – das klingt sehr technisch. Kaum jemand außerhalb des relativ engen professionellen Zirkels von Osteopathen und Craniosacral-Therapeuten kennt und praktiziert diese Behandlungsmethode. Barral bezeichnet die Viszerale Manipulation als „fehlendes Bindeglied“ - Bindeglied zwischen was?

Wir haben uns als Physiotherapeuten viele Jahre vorzugsweise mit dem Bewegungsapparat (Knochen, Muskeln und Gelenken) und dem Nervensystem beschäftigt. Innere Organe hatten bisher in der manuellen Therapie nicht denselben Stellenwert. Heute wissen wir, dass die inneren Organe häufig das Bindeglied zwischen Bewegungsapparat und Nervensystem darstellen. Alle drei Systeme – Nervensystem, Bewegungsapparat und innere Organe – beeinflussen sich gegenseitig. Beispielsweise konnte bei viszeralen Manipulationen kurzfristig eine um bis zu 40 erhöhte Durchblutung am Hirnstamm festgestellt werden! Häufig behandeln wir bei entsprechendem osteopathischem Befund Symptome am Bewegungsapparat wie z.B. Bewegungseinschränkung der Schultergelenke, über viscerale Manipulationen. Das macht diese Arbeit so spannend für mich.

2. Unter Verbindung sind anatomisch ganz konkret die Bandverbindungen (Ligamente) zwischen den Organen und dem Bewegungsapparat zu verstehen. Welche Rolle spielt das bei bestimmten Krankheitssymptomen?

Die Verbindungen zwischen inneren Organen, deren Bändern und Fascien (Taschen/Beutel/Häute) und dem Bewegungsapparat sind ganz konkret. Ich erinnere mich an eine Patientin, die mehrere Jahre nach einer tiefen Bauchoperation mit schmerzhafter Bewegungseinschränkung im linken Schultergelenk in die Praxis kam. Aus physiotherapeutischer Sicht wurde zunächst lokal die Schulter behandelt. Die Beschwerden tauchten wieder auf. Der osteopathische Sicht- und Tastbefund ergab schwerwiegende Fixationen und Bewegungseinschränkungen mehrerer Organe im Bauchraum. Narben, Bänder und Organe wurden in der Folge ca. 25 Mal viszeral behandelt wodurch die Symptomatik an der Schulter vollständig verschwand. Der Grund: Über so genannte „Läsionsketten“ werden lokale Spannungen in der Fascie über einen längeren Zeitraum weitergegeben. Man kann sich das wie ein zähes Gummiband vorstellen.

3. Was war also die große Entdeckung von Jean-Pierre Barral?

Ich denke, viscerale Untersuchungs- und Behandlungs-techniken gibt es schon sehr lange. Und vermutlich hat auch Andrew Taylor Still, der Begründer der Osteopathie, bereits viszeral gearbeitet. Barral war jedoch der erste, der aufgrund seiner osteopathischen und physiotherapeutischen Tätigkeit in einer Fachklinik für Atemwegserkrankungen die Möglichkeit hatte, viszerale Manipulationen klinisch zu evaluieren und z.B. die Auswirkungen von durchlebten Atemwegserkrankungen auf die Wirbelsäule nachzuweisen. Außerdem unterscheidet Barral zwischen „Mobilität“ und „Motilität“ innerer Organe. „Mobilität“ wird durch die Zwerchfellatmung ausgelöst, d.h. jedes innere Organ bewegt sich um eine klar definierte physiologische Achse. „Motilität“ ist eine inhärente/innewohnende energetische Bewegung, deren Richtung und Dynamik sich vermutlich aus der embryologischen Entwicklung herleitet. Und: Jean-Pierre Barral hat über Jahrzehnte Daten gesammelt und so eine Psychosomatik der inneren Organe entwickelt. Sein Buch dazu ist erst kürzlich erschienen. Sehr lesenswert – auch weil es für Laien geschrieben wurde.(1)

4. In welchen Fällen sollte man z.B. überlegen, eine viszerale Behandlung zu machen?

Aus osteopathischer Sicht „fließt“ die Behandlung meist zwischen parietalen (bezogen auf den Bewegungsapparat), viszeralen und craniosacralen Techniken. Es gibt jedoch klare Hinweise und Symptome, die mich vorzugsweise viszeral vorgehen lassen: Verdauungsbeschwerden, Blähungen, unklare Bauchschmerzen, Narben im Bauchraum nach Operationen, Koliken, chronisch entzündliche Prozesse, Organsenkungen (Ptosen), Blasenentzündungen, Menstruationsbeschwerden, Atemwegser-krankungen und auch bei unklaren Rückenschmerzen ist es gut, einen gründlichen viszeralen Befund zu machen. Auch allgemeine Schwäche, Müdigkeit, Lethargie und Depression und bestimmte Arten von Kopf-schmerzen können ihre Ursache im viszeralen Bereich haben. Hier spielt unter anderem die Leber eine sehr wichtige Rolle.

5. Die inneren Organe sind von einer „Haut“ umgeben, z.B. Rippenfell und Bauchfell, so wie das Nervensystem, alle Knochen und Muskeln und wir, der ganze Mensch, von einer Haut umgeben sind. Das ist eine ganz „autonome“, von unserem Tagesbewusstsein unabhängige und sehr erstaunliche Kommunikation über Bänder und Fascien, die sich in unserem Körper abspielt. Nur wenn es nicht funktioniert, „merken“ wir etwas davon, durch körperliche Schmerzen, Unwohlsein, Krankheit, schlechte Laune . Können Sie uns ein konkretes Beispiel für ein viszerales Problem geben?

Bleiben wir bei der Leber: Bei den meisten „zivilisierten“ Menschen findet sich eine zu schwache Leber. Häufig trifft dasselbe auf die Bauchspeicheldrüse zu. Irgendwann spüren wir möglicherweise eine latente Müdigkeit oder Schwere (insbesondere in den Beinen), sind schnell erschöpft – haben sozusagen keine „Energie“ und Lebensfreude mehr. Schlimmstenfalls geraten wir in eine handfeste Depression. Hier sind wir auch als Berater gefragt: Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsverhalten und Stressfaktoren sind zu thematisieren. Eine durch schlechte Ernährung und unterdrückte Emotionen geschwächte Leber kann nicht mehr optimal entgiften. Diese Toxine landen letztlich wieder im Dickdarm, über dessen Wände wir die Toxine schließlich wieder resorbieren, und so entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf von Vergiftung, der die Leber und natürlich den Darm weiter belasten wird. Viele chronische Erkrankungen, wie z.B. Arthritis und Arthrose sind mit einem ganzheitlichen Ansatz gut behandelbar und haben bei entsprechender Kooperation des Patienten gute Prognosen. Das weiß inzwischen auch so manch ein Schulmediziner.

Ein „Klassiker“ sind unklare Schmerzen im unteren Rücken oder in den Iliosacralgelenken, für die es aus orthopädischer Sicht manchmal keine Erklärung gibt. Eine gründliche viszerale Inspektion führt uns manchmal schlicht zu Narben, die durch eine Blinddarm-OP entstanden sind, oder beispielsweise zu Organen des Urogenitaltraktes.

 

6. Ist eine viscerale Behandlung für den Patienten sehr unangenehm?

Ich versuche immer im schmerzfreien Bereich, d.h. unterschwellig zu arbeiten. Wir arbeiten mit dem Körper und bieten Korrekturmöglichkeiten an. Die Heilung vollzieht der Patient, d.h. seine Selbstheilungskräfte. Weshalb mir das Wort „Viszerale Manipulation“ auch mißverständlich erscheint. Ds wichtigste osteopathische Prinzip dabei lautet: geringstmögliche Kraft bei größtmöglicher Präzision. Die Behandlung kann, ähnlich wie bei Dehnungen, intensiv und doch wohltuend sein. Treten vegetative Reaktionen wie Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen oder Herzrasen auf, breche ich die Behandlung ab.


           
  7. Auch Kinder sollen von dieser Behandlung               profitieren. In welcher Hinsicht?


Kinder reagieren deutlich stärker und schneller auf viscerale Techniken. Deshalb sollte der Kraftaufwand auch minimalst sein. Häufig genügt es, lediglich mit der „Motilität“ des entsprechenden Organs zu arbeiten. Bei schweren Geburten (z.B. Zangen, Glocke) sind osteopathische Techniken erfahrungsgemäß exzellent. Das Mittel der Wahl ist meistens eine cranio-sacrale Diagnostik und Behandlung, durch die viszerale Symptome in der Folge mitbehandelt werden. Wichtig: Erst al die Eltern untersuchen und ggf. behandeln! Auch hier ist es sinnvoll, das Thema Ernährung und Lebensführung zu thematisieren.

 

8. Was begeistert Sie persönlich so an der Visceralen Manipulation?

Im Laufe einer schweren Erkrankung ließ ich mich unter anderem osteopathisch behandeln. Gleichzeit konsultierte ich regelmäßig einen ayurvedischen Arzt und stellte im Laufe der Zeit meine Ernährung um. Die Osteopathin arbeitete schwerpunktmäßig visceral. Ihre Präzision in Befund und Behandlung beeindruckten mich. Entgegen der schulmedizinischen Meinung („unheilbar“) bin ich innerhalb von drei Jahren vollständig genesen und wieder voll arbeitsfähig und belastbar geworden. Ganz besonders begeistert mich, dass jenseits dessen, was der Patient als Symptom präsentiert, die Ursachen sehr häufig im visceralen Bereich zu finden sind.

© Interview 2009: (www.wegdermitte.de)

 

 


LITERATUREMPFEHLUNGEN

Nijesh Ulrich Hesse ist Physiotherapeut und Heilpraktiker Psychotherapie. Neben seiner eigenen Praxis gibt er Kurse und Seminare in Deutschland und der Slowakei.

 

Weitere Informationen

Eine neue dreiteilige Ausbildung in Viszeraler Manipulation beginnt im Februar 2011 in Berlin.

Weitere Informationen bei
Weg der Mitte e.V., Ahornstr. 18, 14163 Berlin, Tel. 030-8131040 oder www.wegdermitte.de .

 

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Interview mit Nijesh U. Hesse über Viscerale Osteopathie